Vermessung der Rüttenscheider Straße

Die Kö von Essen heißt Rü. Eine Straße, die vom Essener Hauptbahnhof bis hoch in den Süden reicht. In Rüttenscheid lag meine erste eigene Wohnung. 35qm, 1-Raum direkt gegenüber vom Goethebunker, einem Technoclub ohne Klimaanlage. Auf dem Weg zur U-Bahnstation Rüttenscheider Stern musste man durch eine Seitenstraße der Rüttenscheider laufen. Dieser Gang war zwielichtig. Ein zu günstiges indisches Restaurant auf der einen, ein zu teures Antiquitätengeschäft mit Ramsch auf der anderen Seite. Heute stehen in dieser Straße ein Frozen-Joghurt-Laden und ein Matratzengeschäft (auf der Ecke natürlich). In dem Laden für Matratzen werden auch Massagestühle verkauft, in denen man nach einer kurzen Präsentation eine halbe Stunde behandelt werden kann. Immerhin dieses Geschäft hat noch etwas von Rüttenscheid, wie es früher war. Aber was ist schon mein Früher, im Vergleich zu dem Früher der Anderen.

Gastronomie und beeindruckend viele Friseure

Die Rü ist ein gewachsenes Konstrukt. Kein Architekturburo hat sie so geplant, sie ist der Stadt Essen zugefallen. Die lange Straße zieht sich vom Zentrum der Stadt durch ein großes Wohngebiet, am Krupp-Krankenhaus und der Messe Gruga vorbei bis sie die Grenze zu Bredeney erreicht. Durch die große Laufkundschaft sind nach und nach immer mehr Gastronomie, Einzelhandel, Büros und Handwerk entstanden. Heute findet man auf der Rü alles, nur keinen Parkplatz. Wenn man ehrlich ist, besteht sie eigentlich nur noch aus Gastronomie (Bäckereien!) und beeindruckend viele Friseure. Nichts an dieser Straße erklärt ihre Beliebtheit; an der Rü ist nichts besonderes, keine prächtige Architektur, keine Brunnen, keine Denkmäler. Eine Straße mit Bauten aus den 60ern wie jede andere.

Das ideelle Herz der Straße ist eine Siechenhauskapelle, die zu einem längst verschwundenen Siechenhaus gehört, wo seit dem frühen 15. Jahrhundert weit vor den Toren der Stadt Essen auf quasi freiem Feld Aussätzige Aufnahme fanden. Die Kirche steht heute eigenwillig eingerückt an der Rü Ecke Martinstraße zwischen einem Burrito-Laden und Lederfachhandel.

Harold and Maude

Vor ein paar Jahren noch, waren die Geschäfte genau so unprätentiös wie ihre äußere Erscheinung. Mittlerweile gibt es hier dieselbe Systemgastronomie wie in allen Innenstädten in Hauptbahnhofnähe. Vereinzelt auch ein paar Boutiquen und genormte Cafes für Menschen Ende 40 mit zu viel Geld. Diese Straße lebt über ihren Verhältnissen. Sie hat die anschließenden Seitenstraßen eng und reich gemacht. Hier wollen sie mittlerweile alle wohnen, um tagsüber Besorgungen zu machen und abends etwas trinken zu gehen. Ein Wiedergänger aus der Vergangenheit in direkter Umgebung ist die Galerie Cinema in der Julienstraße. Es ist das kleinste und älteste Kino des Ruhrgebiets und befindet sich in einem Wohnzimmer. Seit 44 Jahren läuft dort jeden Sonntag um halb fünf Harold und Maude.